Studie: Umgang und Lösungsansätze in der Paul Wilhelm von Keppler-Stiftung während der ersten Welle der Pandemie

Arbeiten in voller Schutzausrüstung im Bürgerheim April 2020
Arbeiten in voller Schutzausrüstung im Bürgerheim April 2020

Wie Betroffene der Altenhilfe mit der ersten Welle umgingen

Noch stecken wir mitten in der Pandemie und doch kann ein Rückblick gewagt werden: Wie war der Umgang mit der ersten Welle der COVID19-Pandemie in den Einrichtungen der Keppler-Stiftung? Dieser Frage gingen Prof. Dr. Ines Himmelsbach (Projektleitung) und Catharina Klein (Projektmitarbeiterin) im Rahmen einer Studie der Katholischen Hochschule Freiburg nach. 

Dabei nehmen sie die Perspektiven verschiedener Akteur:innen des ambulanten wie auch stationären Bereichs in den Fokus: Bewohner:innen, Angehörige, Mitarbeitende sowie Leitungskräfte sprachen in qualitativen Interviews über ihre Erfahrungen der ersten Phase der Pandemie (März bis Juli 2020). Ziel der Studie war es, Erkenntnisse aus dem Erlebten offenzulegen, aber auch zur Wertschätzung gegenüber allen Akteur:innen beizutragen. Schließlich sollen die Ergebnisse auch für die zukünftige Arbeit der Keppler-Stiftung reflektiert und „fruchtbar“ gemacht werden. 

Mithilfe der Erhebung aus qualitativen Interviews und den Daten aus den kepplereigenen INSEL-Befragungen*, konnten 2456 Aussagen in unterschiedlichen Kategorien ausgewertet und analysiert werden. Darunter fallen beispielsweise der „Persönliche Umgang“, „Krise als Chance“, „Ethische Fragen“ sowie „Lebensqualität (INSEL)“ und „Lösungen“. 

 

Perspektive der stationären Bewohner:innen und den Angehörigen

Aufgrund von hohen Resilienzen konnten laut Studie die Betroffenen „bescheiden bis positiv“ mit der Krise umgehen. Verständnis gegenüber den lösungsorientierten Maßnahmen der Politik wurden zwar geäußert und doch waren psychische Belastungen und das Gefühl der Fremdbestimmung Folgen der Isolation und Besuchsbeschränkungen. Durch die internen Alternativen zur Kommunikation nach draußen, wie etwa Videotelefonate, wurden Möglichkeiten zur sozialen Nähe geschaffen –die Angehörigen zeigten zudem ihre Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden und der Stiftung.

 

Betroffenheit und Erfahrungen des Personals im stationären Bereich

Herausfordernd waren vor allem die ersten Unklarheiten bezüglich der Ansteckungsrisiken, des Infektionsgeschehens und der Krankheitsverläufe. Die Mitarbeitenden äußerten ihre Ängste, Sorgen und die damit verbundenen Unsicherheiten. Die Lieferengpässe von Schutzmaterial erschwerten zusätzlich den Umgang mit der Situation. Durch die Besuchsbeschränkungen fühlten sich die Mitarbeitenden in der Verantwortung, die „Lücke“ an Zuwendungsbedarf der Bewohner:innen zu füllen und die geltenden Maßnahmen zu rechtfertigen. All diese Umstände verstärkten die psychische Belastung. Die übergeordneten Verantwortlichkeiten empfand das Personal als eine Entlastung und Handlungsmaßnahmen konnten schnell umgesetzt werden. Trotz aller Herausforderungen wurde deutlich, wie Mitarbeitende und auch Bewohner:innen näher zusammenrückten und sich gegenseitig unterstützten. Teamgeist förderte die Motivation und half, die erste Welle gemeinsam durchzustehen. 

Fürsorge und Schuldgefühl sind wichtige ethische Aspekte, die auch in den Interviews thematisiert wurden. Es wurde kritisiert, dass eine gewisse Handlungsfreiheit bezüglich eigener Werteansprüche nicht gegeben war – die Mitarbeitenden sollten sich streng an die Regeln halten. So empfanden viele eine Hilflosigkeit, wenn Bewohner:innen gesundheitlich – sowohl mental als auch körperlich – durch die Fremdbestimmung und damit verbundene Einsamkeit abgebaut haben. Sie wünschen sich alternative Maßnahmen und Angebote mit „mehr Handlungsspielraum für individuelle Lösungen“, so dass „möglichst viel Normalität“ für die Bewohner:innen erhalten bleibe. 
 

Die Mitarbeitenden in Weil der Stadt im Sommer 2020

Erfahrungen der Mitarbeitenden sowie Kundinnen und Kunden in den Sozialstationen

Mit „ganz eigenen“ Herausforderungen waren die Mitarbeitenden im ambulanten Bereich konfrontiert, wie die Ergebnisse der Studie aufzeigen: Das Personal fühlte sich vor allem „auf sich alleine gestellt“, was in Anbetracht des Drucks auf Eigenverantwortlichkeit und der fehlerhaften Einhaltung von Maßnahmen eine steigende Belastung war. Wie im stationären Bereich, gab es Ängste und Unsicherheiten – vor allem die Sorge darüber, aufgrund unzureichender Schutzkleidung selbst infiziert zu werden oder das Virus in die Haushalte zu tragen. Diese besondere Verantwortung führte zu einer „Sehnsucht nach sozialen Kontakten“ aufgrund der eigenen Beschränkungen im privaten Leben. Auch für die Kundinnen und Kunden, die kaum Freizeitaktivitäten hatten und teilweise ausschließlich in Kontakt mit den Mitarbeitenden waren, empfanden die Zeit des Lockdowns als einsam oder gar deprimierend. Die Einschränkungen erschwerten die Arbeitsqualität und waren für die Mitarbeitenden eine „Gratwanderung zwischen Schuldgefühlen und Fürsorge“. Mit der Maßnahme, die Neu-Kundenaufnahme zu stoppen, konnten die Pflegekräfte mehr Zeit für sich und die Touren gewinnen und psychische sowie physische Belastungen wurden reduziert.   

 

Nachhaltige Handlungsempfehlungen

Schließlich macht die Studie deutlich, wie wichtig die Werte der Keppler-Stiftung, darunter die „Sozialraumorientierung“ sowie „Lebensqualität“, für den Umgang mit der Krise sind. Schnell wurden Lösungen der Einrichtungen entwickelt, um „interne und externe Begegnung“ zu ermöglichen und Aktivitäten zu fördern. Dabei zeigt sich die Bildung von Corona-Expertenteams als eine wichtige Kommunikationsstrategie der Stiftung für eine individuelle und gute Abstimmung mit den Einrichtungen. Auch hohe Resilienzkräfte auf individueller als auch institutioneller Ebene unterstützen bei der Bewältigung der Krise. Das Personal leistet in herausfordernden Belastungssituationen wertvollste Arbeit, entwickelt und fordert Alternativen. Auch die Angehörigen und Akteur:innen im Sozialraum spielen zudem eine unverzichtbare Rolle in der Lebensqualität und in der Versorgung der Menschen mit Unterstützungsbedarf. Dabei wird der interne wie auch externe Zusammenhalt gestärkt und das Ziel „gut Altwerden“ bleibt im Fokus.  

Die Keppler-Stiftung hat die Ergebnisse der Studie zum Anlass genommen, diese den Mitgliedern des Stiftungsrates zu präsentieren und mit den Verantwortlichen in den Einrichtungen die Ergebnisse zu diskutieren. Gerade in den Diskussionen mit den Einrichtungen und Diensten wurden unterschiedliche Vorgehensweisen und Unterstützungsbedarfe herauskristallisiert, um erste Handlungsempfehlungen abzuleiten. Diese sollen schließlich die Stiftung und ihre Einrichtungen im Umgang mit ähnlichen Krisen stärken und unterstützen.

Die Studie wurde in der Publikation „Forschung, Entwicklung und Partizipation in pandemischen Zeiten“ (Hg. von I. Himmelsbach, T. de Vries, 2021) aus der Reihe Analyse – Prognose – Innovation veröffentlicht. 

*INSEL ist ein Instrument zur praxisnahen Erfassung von Lebensqualität in Pflegeeinrichtungen, das von der Keppler-Stiftung in Kooperation mit der Universität Heidelberg entwickelt wurde. (mehr zu INSEL)

Sie haben Interesse an weiteren Informationen zur Studie? Kontaktieren Sie uns:

Friedemann Müns-Österle
Referent Kommunikation und Marketing
Warmbronner Straße 22
71063 Sindelfingen

friedemann.muens-oesterle@keppler-stiftung.de

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